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Aus Einsicht wird
(H)aussicht

Dagmar Fritz-Kramer und Alfredo Häberli im Gespräch über Freiräume und Wohnträume.

Alfredo Häberli:
Ich habe noch eine Kopie von meinem Brief, den ich Ihnen 2008 geschrieben habe - und ein Exemplar der Frauenzeitschrift von damals. "Frauen verändern die Welt" - davon war ich so begeistert, dass ich es nicht verstehen konnte, dass Sie so gar nichts von sich hören ließen. Heute gehen wir durch das fertiggestellte Haus, welches wir zusammen entwickelt haben. Ziemlich beeindruckend, wie diese Sache Fahrt aufgenommen hat.
 
Dagmar Fritz-Kramer:
Durchaus! Ich hatte den Brief gelesen, er ging aber irgendwie unter. Bis ein paar Jahre später eine Bauherrin mit einem sensationellen Grundstück am Bodensee auf uns zukam. Da war ich mir sicher, dass dies das richtige Projekt für Sie ist. Im Nachhinein bin ich sehr froh, dass es sich dann zerschlagen hat, denn es war im besten Sinne der Zündstoff für das wunderbare Modellgebäude hier bei uns in Erkheim.
AH:
Ja, das hat viel Energie freigesetzt. Fest stand plötzlich nur noch, dass wir zusammen ein Haus bauen wollen. Aus den vielen intensiven Gesprächen zum Bodensee-Projekt haben sich aber interessante neue Sichtweisen zum ökologischen Systembau entwickelt. Diese voranzutreiben und scheinbar gesetzte Parameter zu hinterfragen habe ich als einen sehr wichtigen Aspekt empfunden.
 
DFK:
Schön, dass der See aus dem Ursprungsprojekt als zentrales Thema geblieben ist, das Navale. Wir arbeiten schon lange an einem Masterplan für unseren Musterhauspark im südlichen Bereich der Firma, für den ohnehin ein See geplant war. Also haben wir den Bodensee einfach hierher verlegt.
 
AH:
Mich hat begeistert, mit welcher Konsequenz Sie die Werte des ökologischen Holzbaus vertreten.
 
DFK:
Ich bin 2004 bei Baufritz als Geschäftsführerin angetreten mit der Motivation, aus diesem Birkenstock einen Design-Schuh zu machen. Ohne Kompromisse was die Materialien angeht. Denn wir sind aus dem Herzen ein Allgäuer Holzbauer.
 
AH:
Ökologie und Nachhaltigkeit schreiben sich ja viele auf die Fahnen.
 
DFK:
Wir werden alle nicht zurück auf die Bäume gehen, wenn wir Ökologie leben wollen. Aber die Formen müssen in die Zukunft passen und anstatt sich immer wieder aufs Neue an der Vergangenheit zu orientieren. Saunahütte oder alpenländischer Bauernhof, das kommt schwer daher, manchmal auch billig. Man hat das im Urlaub gerne, niedrige Decken und kleine Fensterchen, aber nicht in einem neu gebauten Wohnhaus im 21. Jahrhundert.
 
AH:
Dabei ist Holz der Hightech-Baustoff der Natur.
 
DFK:
Es gibt nichts, das leichter, effizienter, nachwachsender, statisch tragender ist, als Holz. Uns Menschen ist es bis heute nicht gelungen, ein solches Material zu erfinden, das nachwächst, CO² einspeichert während es wächst und daher klimaschützend ist. Mein dringender Wunsch ist es deshalb, den zukunftsorientierten Aspekt von Holz zu betonen.
 
AH:
Wenn man mit Holz arbeitet, stößt man sehr schnell auf das Wechselspiel von Organischem und Orthogonalem. Für mich ist das kein Gegensatz, ich suche diese Formen immer wieder, beim Dach oder bei der Grundrissform des Hauses kann man das zum Beispiel sehr direkt sehen. Obwohl solche Formen im Systembau sehr schwierig zu realisieren sind. Aber Vorreiter sind eigentlich immer Formen, die man zuerst nicht so gerne hat – weil die kubische Lösung die einfachere ist. Wenn ich als Designer ein Haus baue, dann bin ich natürlich erst einmal frei von vielen Dingen und beginne mit konstruktivem Forschen.
 
DFK:
Sie zeichnet aus, dass Sie spüren können, wo ein Material hin will. Ich glaube, dieses Gespür haben nicht alle und natürlich hat man so eine Vorstellung, dass ein Designer erst einmal nur an die schöne Form denkt. Trotzdem haben wir von Anfang an darauf vertraut, dass ein Designer ein Haus bauen kann. Und dann hatten Sie gleich nach dem ersten Treffen in unserer Holzwerkstatt diese unheimlich starke Idee mit dem Schiff.
 
AH:
So eine Bootsstruktur ist dem Holzbau sehr nahe. Darauf haben wir dann aufgebaut und ich habe Fragen gestellt: Was macht unsere Lebenswelt aus? Wie soll sich ein Raum anfühlen? Wie müssen die Proportionen aussehen?
 
DFK:
Es gab in diesem Dialog natürlich auch ganz banale Themen: Dass es genügend Stauraum geben muss, Bewegungsflächen und Rückzugsorte. Darüber sind wir zum Generationenwohnen gekommen. Ihre architektonische Idee für ein Gebäude, das in Zeiten größtmöglichen Zusammenseins genauso funktioniert wie dann, wenn man die persönlichen Abstände erhöhen möchte, hat mich schnell überzeugt.
 
AH:
Ich wollte das Thema gestalterisch auf die Spitze treiben. Aus der Herausforderung, die viele Planer als architektonisches Makel sehen, ein gestalterisches Potenzial entwickeln. Daraus ist die Idee mit dem Haupthaus und dem "Stöckli", dem losgelösten aber doch mit dem Haupthaus verbundenen kleineren Gebäude entstanden, das in allen Bereichen barrierefrei ist. Der Titel "Haussicht" kam beim Nachdenken darüber, welche Qualität das Wohnen haben muss: Das Haus ist unsere Aussicht darauf, wie wir in Zukunft leben wollen.
 
DFK:
Mich hat beeindruckt, wie Sie das Gebäude radikal von innen nach außen entwickelt haben, und nicht in Grundrissen gedacht haben, sondern auf einer Gefühlsebene Räume gebildet haben. 
 
AH:
Ich nenne das Ausgrenzung. Ich lasse einfach alles zu, was mir von meinem Wissen her und von Recherchen in den Sinn kommt. Stichworte, Fragen und Bilder. All das muss zunächst noch keine Ausrichtung haben. Erst dann beginne ich, zu ordnen.
 
DFK:
Es war schon sehr philosophisch, und wir als Team haben extrem reagiert auf Ihre Fragen. Sie waren in jedem Stadium eine wunderbare Grundlage für die Ausarbeitung der nächsten Schritte, unsere individuellen Hausaufgaben sozusagen. Durch die Planungstreffen ist jedenfalls ein intensiver Dialog entstanden, bei dem besonders spannend war, dass wir viele Experten unterschiedlichster Bereiche an einem Tisch hatten und trotzdem alle das große Ganze vor Augen hatten. Jeder war befeuert von der Idee, etwas wirklich Neues zu schaffen.   
 
AH:
Ich erinnere mich zum Beispiel an das Terrassengeländer. Da war lange nicht klar, ob und wie das funktionieren würde. Die Technik sagte, es hält nicht in der Dicke, die wir geplant haben. Also mussten wir es ausprobieren – 1:1. Das ist dann meine typische Design-Denke, und so haben wir uns gegenseitig herausgefordert, das war sehr konstruktiv und hat letzten Endes zu diesem guten Ergebnis geführt. Ich finde, jede Firma müsste so etwas machen: eine Art offene Forschung, für das Selbstbild, für die Nachkommen.
 
DFK:
Ich sehe es als eine Pionierarbeit für das Ökologische Bauen – so war es von Anfang an gedacht. Ich glaube einfach daran, dass sich das Thema mit Lebensfreude verbinden lässt, mit Schönheit, Spaß und Genuss. Es muss uns gelingen, die Techniken und die Formen dafür zu finden. Zu lange wurde versucht, mit dem Gewissen zu werben: Ökologisch Bauen, damit wir endlich unseren Klimaschutz in den Griff bekommen. Die Lichter ausmachen, weil es so viel Strom kostet.
 
AH:
Jetzt haben wir LED-Licht. Und Technik, die uns zumindest die Richtung weist. Ich musste mich an die Details Baubiologie und -ökologie erst annähern, während Sie das Thema ja seit langem fest in Ihrer Baufritz DNA verankert haben.
 
DFK:
Sie haben ja gesehen, dass es im Grunde sehr einfach ist. Es geht darum, konsequent baustoffgerecht zu arbeiten. Holz bleibt Holz. Umso schöner war es für uns zu sehen, was man damit machen kann, wenn man die Bauwelt verlässt in der wir manchmal gefangen sind. Das haben Sie herausgekitzelt. Ich denke da etwa an die Schalung, drei gleiche Teile, die fertigungstechnisch einfach gefräst aber dann unterschiedlich kombiniert werden. Dadurch bekommen wir diese wunderschöne dreidimensionale Struktur. Was uns bei diesem Haus besonders gut gelungen ist, ist dass sich alles miteinander verbindet, bis in jeden Winkel der Innenräume.
 
AH:
Für mich ist das Haus ja auch ein Stück Möbel. Im Erdgeschoss ist ein Schrank mit vielen Metern Länge sein Rückgrat. Er hat Funktionen, ist gleichzeitig aber auch eine Wand. Diese Logik zieht sich durch die gesamte Architektur: Fensterbank und Sitzmöbel gehen nahtlos ineinander über, Ofen und Wand, Badewanne und Liegefläche.
 
DFK:
Wir wären in der Formensprache niemals auf diese Ideen gekommen. Und gerade deshalb halte ich diese Zusammenarbeit für so fruchtbar. Das Tolle ist ja, dass wir zusammen mehr als nur einen "Show Car" produziert haben. Hier ist etwas absolut Machbares entstanden.  Das ist mir ganz wichtig. Es geht um baubare Visionen.
 
AH:
Wir haben ja auch lange diskutiert ob ein Ökohaus so groß sein darf, so viel Grundfläche haben darf. Hier gibt uns die Natur die beste Antwort. Denn sie lebt aus der Fülle, aus dem Überfluss. Ein Baum produziert so viele Blätter und Früchte, die er definitiv nicht bräuchte, um sich weiter zu vermehren.
 
DFK:
Das Haus steht modellhaft für eine Form des Wohnens, mit diesen Baustoffen und diesen Ansätzen kann man auch etwas Kleines bauen. Aber ich glaube es ist ganz wichtig, dass auch einmal gezeigt wird, dass Ökologisches Bauen nicht immer das kleine Haus sein muss. Wir könnten jedenfalls in Hülle und Fülle leben, nur aus dem, was uns die Natur gibt. Es muss uns nur gelingen, die nachwachsenden Rohstoffe so zu nutzen, dass wir keinen Schaden und keinen Abfall produzieren. Ein Gebäude muss rückstandslos wieder in die Natur zurückgeführt werden können. Hier werden wir weiterhin noch viel lernen müssen. Aber wir sind schon einen ganz großen Schritt weiter gekommen.
 
AH:
Holz ist bei "Haussicht" weder Ersatzstoff noch Gewissensalternative. Wir wollten zum Ausdruck bringen, dass es die schönste Art des Wohnens ist. Und jetzt fragen mich meine Kinder, warum wir nicht so wohnen (lacht). Wenn ich dagegen an die Häuser am Zürichsee denke, die gebaut wurden, seit ich dort wohne - mit riesigen Fenstern, Blick auf den See, aber in mehrfachem Sinne schlechte Architektur, dann tut es weh zu wissen, dass sie über hundert Jahre dort stehen werden. Man hat einfach nur die Aussicht verkauft.
 
DFK:
Bei "Haussicht" haben wir ja eine ganz weiche Silhouette, das Haus schmiegt sich an den Hügel und passt sich an die Natur an - trotz seiner markanten Form. Es entstehen einfach schönere Sachen wenn man in Dialog miteinander geht anstatt einfach praktisch die Betonwand hochzuziehen. Es wäre schön, wenn es uns mit dem Projekt gelänge, ein Miteinander und eine neue Baukultur zu fördern.
 
AH:
Unser Entwicklungsprozess selbst war ja so ein Miteinander. Ich bin bis heute begeistert von Ihrer Energie, die ich schon in dem Artikel damals gespürt habe. Ich meine damit dieses positive,  vorausschauende Denken. Und es ging immer um die Sache.
 
DFK:
Wenn jemand in dieses Haus hineingeht und sagt: "Was? Das hier ist öko? Sieht aus wie Hightech, das hätte ich mir niemals so modern vorgestellt!", dann haben wir doch einen guten Job gemacht. Und im nächsten James Bond zieht er in ein Holzhaus (lacht). Das wäre doch der Wahnsinn.